WARENKUNDE

Sonnenblume mit schmackhaften Wurzeln

Teil 77: Topinambur

Erd- oder Grundbirne, Rosskartoffel, Knollige Sonnenrose, Indianerknolle, Weißwurzel, Zuckerkartoffel, Jerusalem-Artischocke – der Volksmund war zu allen Zeiten höchst erfinderisch, wenn es galt, dem Topinambur einen möglichst erhellenden einheimischen Namen zu verpassen. Angefangen hatte für die Europäer alles im frühen 17. Jahrhundert, als französische Seefahrer die Knollen aus Kanada an den französischen Hof brachten. Da sie den indianischen Namen der Frucht nicht aussprechen konnten, musste der Indianerstamm der Tompinambas dafür Pate stehen: So wurde der Name „Topinambur“ geboren. Schon im Jahr 1626 ist der Anbau auch in Deutschland belegt. Topinambur war zunächst eine beliebte Zierpflanze, dann eine Futterpflanze für das Vieh. Erst unter dem Druck wirtschaftlich schwieriger Zeiten wurde er auch als Nahrungsmittel für den Menschen entdeckt Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein blieb Topinambur als Speise- und Futterpflanze sehr beliebt, bis die Kartoffel sich endgültig als die Nahrungspflanze Nummer Eins durchsetzte. Erst in jüngster Zeit konnte der in puncto Gesundheit der Kartoffel weit überlegene Topinambur in Mitteleuropa eine Renaissance feiern. Topinambur ist botanisch betrachtet ein Korbblütler, eine Sonnenblumenart mit essbaren Knollen in der Größer kleiner bis mittelgroßer Kartoffeln. Über ihren Ursprung ist sich die Forschung nicht einig: Einige Wissenschaftler vermuten diesen im südlichen Südamerika oder Brasilien, andere halten Mexiko und Kanada für die Urheimat des Topinambur. Heutzutage sind unter den Hauptanbaugebieten Nordamerika, Russland, Australien und Asien (China, Japan) zu finden. In Europa hat der Anbau insgesamt einen eher geringen Umfang, jedoch wird Topinambur mit großem Erfolg auch in heimischen Gefilden kultiviert, so etwa in Brandenburg und in Unterfranken.
Attraktive Pflanze, leckere Knolle

Die Topinamburpflanze kann bis zu vier Meter hoch werden. Sie gilt als äußerst ausdauernd, wetterfest und resistent gegen Schädlinge, Bakterien, Pilze etc. Gepflanzt wird sie im Frühjahr in Reihen, ähnlich wie beim Kartoffelanbau. Die Frosthärte (bis zu –30 °C) macht es möglich, dass die Knollen den Winter im Boden schadlos überstehen. Somit können sie nach Belieben zwischen Oktober und Mai geerntet werden. Topinambur stellt weder besondere Anforderungen an die Böden (vorzugsweise Sandböden mit Grundwassernähe), noch an die Vorfrucht oder an die Düngung. Jahr für Jahr kann er aus den überwinterten Knollen austreiben. Diese Langlebigkeit (bei Pflege bis zu 20 Jahre) macht ihn zu einer idealen Wildackerpflanze, die einmal angebaut, jahrelang genutzt werden kann. Bei der Ernte wird zunächst das Kraut entfernt und entweder als Tiernahrung genutzt oder gehäckselt als Nährstoff dem Boden zugeführt. Die Knollenernte erfolgt im Wesentlichen mit herkömmlicher Kartoffelerntetechnik (z.B. mit Sammelrodern). Die Knollen sind nach der Ernte nicht sehr lange lagerfähig und müssen deshalb innerhalb von 14 Tagen verbraucht, verarbeitet oder in Erdmieten eingelagert werden. Topinambur bildet keine großen Blütenscheiben aus wie andere Sonnenblumenarten. Ihre Wurzeln bilden ähnlich wie bei der Kartoffel unterirdisch Gelege von 24 bis 26 Knollen, deren Form, Größe und Farbe von der Sorte und dem Boden abhängen. Neben rund-ovalen sind birnen- oder spindelförmige Knollen anzutreffen. Die Oberfläche kann glatt oder stark verknorpelt sein. Die dünne Schale von gelb-brauner bis rötlich-violetter Farbe lässt sich im rohen Zustand nur schwer schälen. Das Fruchtfleisch ist weißlich-gelb bis bräunlich. Zu den bekanntesten Topinambur-Sorten zählen Bianka, Gigant (Topianka), Columbia (frühreife Sorten) sowie Gute Gelbe, Monteo, Dubo, Rico, Berno, Boynard (Frühjahrsernte). Topinambur kann sowohl roh als auch gekocht, sowohl mit als auch ohne die Schale verzehrt werden. Wird die Schale mit verwendet, sollte man die Knollen unter fließendem Wasser gründlich abbürsten. Rohe Knollen sind knackig und weisen einen leicht erdigen Geschmack auf. Wenn man die Knollen gart, entwickeln sie einen etwas süßlichen, stark nussartigen Geschmack, der an Artischocken und ein wenig an Geräuchertes erinnert.
Multitalent in der Ernährung

In der Ernährung ist Topinambur erstaunlich vielseitig verwertbar, so beispielweise

  • roh geraspelt für Rohkost und Salate,
  • als Suppe oder Püree,
  • als gebratene, gebackene oder frittierte Beilage (ganze Knollen, Scheiben, Würfel oder geraspelt, z.B. für Reibekuchen oder Rösti),
  • in Aufläufen oder Gratins,
  • zur Herstellung von alkoholischen Getränken, Säften und Sirup (hierfür werden die Knollen zerkleinert und abgepresst),
  • als Zutat von süßen Gerichten (z.B. Obstsalat),
  • geröstet als Kaffeeersatz,
  • für alle Rezepte, bei denen normalerweise Kartoffeln zum Einsatz kommen.

Topinambur besteht zu rund 79% aus Wasser und enthält pro 100 Gramm (essbarer Anteil) 30 kcal (130 kJ). Die Nährwerte verteilen sich wie folgt: 2,4 g Eiweiß, 4,0 g verwertbare Kohlenhydrate, 0,4 g Fett. Des Weiteren sind 12,6 g Ballaststoffe und ein hoher Anteil an Mineralstoffen enthalten. Vitamine wie C, A, B1, B2, Niacin u.a. runden den das Ganze ab. Was Topinambur gesundheitlich besonders wertvoll macht, ist jedoch das mit einem Anteil von bis zu 20% enthaltene Inulin, dessen Grundbaustein Fructose („Fruchtzucker“) ist. Fructose wird im Gegensatz zu anderen Zuckerarten langsamer und ohne Erhöhung des Blutzuckerspiegels abgebaut. Dies ist besonders für Diabetiker von Bedeutung, weil deren Kohlenhydratstoffwechsel dadurch entlastet wird. Inulin kommt in Pflanzen wie Zwiebel, Spargel, Zichorie und Topinambur als Speicherstoff vor. Daraus gewonnene Produkte haben außerdem einen stimulierenden, prebiotischen Effekt auf die Bakterienflora des Magen-Darm-Bereichs. Ihre Stoffwechselprodukte führen zu einer Stabilisierung des mikroökologischen Gleichgewichtes der Magen-Darm-Flora und zu einer Stärkung des Immunsystems. Topinambur zeichnet sich je nach Anwendungszweck durch hohe Süßkraft aus, die den menschlichen Zuckerhaushalt nicht belastet und zudem einen wesentlich geringeren Kaloriengehalt als herkömmlicher Zucker hat. Somit kann Topinambur in allen Lebensmitteln als echte Alternative zu Zucker oder chemischen Süßstoff-Varianten eingesetzt werden. Aufgrund dieser vorteilhaften Eigenschaften spielt Topinamburpulver (gewonnen aus dem Saft der Frucht) zunehmend auch in der Backstube und als maßgebliche Zutat von Backmischungen eine Rolle.


Die gesamte Warenkunde zum Thema Topinambur finden Sie in BÄKO-magazin 1/2003 auf Seite 39!